Die serbischen Fälle: vier kennst du, drei sind neu

Wie sich die sieben serbischen Fälle auf die vier deutschen abbilden, was Vokativ, Instrumental und Lokativ tun, und in welcher Reihenfolge man sie lernt.

Was dir das Deutsche schon erklärt hat

Was ein Fall ist, musst du nicht lernen. Der Hund beißt den Mann und den Mann beißt der Hund erzählen dieselbe Geschichte, weil den den Mann als Objekt markiert, egal wo er steht. Serbisch tut genau das, nur ohne Artikel: Pas grize čoveka und Čoveka grize pas bedeuten beide, dass der Hund den Mann beißt, weil čoveka die Endung des Objekts trägt. Die Information, die im Deutschen am Artikel hängt, sitzt im Serbischen am Substantiv selbst, und das Adjektiv daneben trägt sie noch einmal.

Das ist der ganze Unterschied im Prinzip. Der Unterschied in der Menge ist größer: Serbisch hat sieben Fälle statt vier, und weil kein Artikel die Arbeit übernimmt, hat jedes Substantiv für jeden Fall eine eigene Form, im Singular und im Plural. Es ist nicht kompliziert. Es sind viele Endungen, und Endungen lernt man, indem man sie schreibt und korrigiert bekommt, nicht indem man Tabellen liest.

Die vier, die du kennst

Die deutschen Fälle gibt es alle vier, mit denselben Kernaufgaben. Was sich verschiebt, ist der Umfang.

Nominativ: das Subjekt. Die Wörterbuchform, wer etwas tut oder wer beschrieben wird. Grad je velik. Die Stadt ist groß. Wie im Deutschen auch nach sein: Ja sam student.

Akkusativ: das direkte Objekt und die Richtung. Vidim grad. Ich sehe die Stadt. Nach u und na bedeutet er Bewegung irgendwohin: Idem u grad, ich gehe in die Stadt. Das ist exakt der deutsche Wechselpräpositionen-Akkusativ, in die Stadt, auf den Tisch.

Genitiv: von, aus, ohne, und die Menge. Hier wächst der Fall. Im Deutschen ist der Genitiv auf dem Rückzug und wird im Gespräch durch von ersetzt; im Serbischen ist er der häufigste Fall nach dem Nominativ. Besitz: centar grada, das Zentrum der Stadt. Herkunft und Abstand: iz grada, aus der Stadt; daleko od grada, weit von der Stadt. Mengen: pet knjiga, fünf Bücher; malo vode, wenig Wasser. Und das Nichtvorhandensein: nema grada, es gibt keine Stadt. Dazu die meisten Präpositionen, darunter viele, die im Deutschen den Dativ nehmen: bez (ohne), kod (bei), iz (aus), od (von), do (bis), posle (nach).

Dativ: wem. Der Empfänger, wie im Deutschen. Pišem bratu, ich schreibe dem Bruder. Dajem knjigu sestri, ich gebe der Schwester das Buch. Dazu die Präposition k oder ka (zu, in Richtung) und ein paar Verben wie pomoći (helfen), das auch im Deutschen den Dativ will. Was der serbische Dativ nicht tut: nach mit, bei, von, aus, nach stehen. Diese Aufgaben haben andere Fälle, und das ist der Punkt, an dem Deutschsprachige am häufigsten danebengreifen, weil der deutsche Dativ so viel Präpositionsarbeit erledigt.

Die drei, die neu sind

Vokativ: jemanden ansprechen. Die Form, mit der du eine Person rufst oder anredest. Marko und Ana bleiben, wie sie sind, aber brat wird zu brate, gospodin zu gospodine, Milica zu Milice, prijatelj zu prijatelju. Das Deutsche hat nichts Vergleichbares. Du hörst ihn vom ersten Tag an, und du brauchst ihn, sobald du einen Freund hast.

Instrumental: womit und mit wem. Werkzeug und Begleitung. Pišem olovkom, ich schreibe mit dem Bleistift, ganz ohne Präposition. Vozom, mit dem Zug. Bei Personen kommt sa dazu: sa bratom, mit dem Bruder. Wo das Deutsche mit plus Dativ sagt, sagt Serbisch Instrumental, und oft gar nichts davor.

Lokativ: wo. Der Ort nach u und na, und das Thema nach o: Marko je u gradu, Marko ist in der Stadt; knjiga je na stolu, das Buch ist auf dem Tisch; o gradu, über die Stadt. Seine Endungen sind dieselben wie die des Dativs, weshalb manche Grammatiken sechs Fälle zählen statt sieben. Und hier bekommst du das größte Geschenk, das dir das Deutsche für Serbisch macht.

Wo und wohin, genau wie zu Hause

Ich gehe in die Stadt und ich bin in der Stadt: dieselbe Präposition, zwei Fälle, Bewegung gegen Ort. Das ist im Serbischen wörtlich dieselbe Regel. Idem u grad (wohin, Akkusativ) gegen Marko je u gradu (wo, Lokativ). Stavljam knjigu na sto (auf den Tisch) gegen knjiga je na stolu (auf dem Tisch). Englischsprachige Lernende brauchen für diese Unterscheidung Monate, weil ihre Sprache sie nicht kennt. Du hast sie, seit du sprechen kannst. Frag wo? oder wohin?, wie in der Grundschule, und der Fall steht fest.

  • Idem u grad.

    Ich gehe in die Stadt.

  • Marko je u gradu.

    Marko ist in der Stadt.

  • Restoran je u centru grada.

    Das Restaurant ist im Zentrum der Stadt.

Die Endungen

Die Endungen hängen vom Geschlecht ab, und das Geschlecht ist fast immer am Nominativ ablesbar: Konsonant heißt maskulin, -a feminin, -o oder -e neutral. Keine Artikel auswendig lernen, kein der Löffel, die Gabel, das Messer. Mit den drei Tabellen unten hast du den Singular fast jedes Substantivs der Sprache.

gradStadtnoun
maskulines Substantiv
FallSingularPlural
Nom.gradgradovi
Gen.gradagradova
Dat.gradugradovima
Akk.gradgradove
Vok.gradegradovi
Instr.gradomgradovima
Lok.gradugradovima
ženaFrau; Ehefraunoun
feminines Substantiv
FallSingularPlural
Nom.ženažene
Gen.ženežena
Dat.ženiženama
Akk.ženužene
Vok.ženožene
Instr.ženomženama
Lok.ženiženama
seloDorfnoun
neutrales Substantiv
FallSingularPlural
Nom.selosela
Gen.selasela
Dat.seluselima
Akk.selosela
Vok.selosela
Instr.selomselima
Lok.seluselima

Ein paar Dinge zum Hinsehen. Der maskuline Akkusativ ist bei Dingen der Nominativ und bei Lebewesen der Genitiv, also vidim grad, aber vidim brata; eine schwache Erinnerung daran hat das Deutsche bei der Student, den Studenten. Die feminine Reihe ist die regelmäßigste. Der neutrale Akkusativ ist immer gleich dem Nominativ, wie das im Deutschen. Dativ und Lokativ sind immer identisch. Der Plural ist eine zweite, kleinere Tabellenreihe mit derselben Logik.

Beim Adjektiv wird es einfacher, als du es gewohnt bist. Im Deutschen hängt die Adjektivendung davon ab, ob und welcher Artikel davor steht, guter Wein, der gute Wein, ein guter Wein. Serbisch hat keinen Artikel und darum genau eine Reihe: dobar grad, dobra žena, dobro selo, und das Adjektiv bekommt in jedem Fall die Endung seines Substantivs.

Wie du sie lernst, ohne unterzugehen

Einen Fall nach dem anderen, in dieser Reihenfolge. Nominativ zuerst, der ist gratis. Dann Akkusativ, weil jeder Satz mit Objekt ihn braucht. Dann Lokativ, weil du sagen musst, wo etwas ist, und weil das Paar wo/wohin dir schon vertraut ist: Nach zwei Wochen sitzt es. Dann Genitiv, den die meisten Präpositionen wollen. Instrumental, Dativ und Vokativ zuletzt; sie kosten weniger Zeit, als du fürchtest, weil die Gewohnheit, eine Endung zu wählen, dann schon da ist.

Die Präposition mit ihrem Fall lernen. Od nimmt den Genitiv, sa den Instrumental, u den Lokativ oder den Akkusativ, je nach Bewegung. Genau so, wie du mit nie ohne Dativ gelernt hast. Und vor allem: Lass dich nicht vom deutschen Fall der Präposition leiten. Bei ist Dativ, kod ist Genitiv. Mit ist Dativ, sa ist Instrumental.

Das ganze Wort lernen. Grad als „Stadt“ zu lernen heißt, ein Siebtel des Wortes zu lernen. Die Wörterbuchform ist eine Zelle der Tabelle, und die anderen Zellen sind das, was du tatsächlich sagen wirst. Ein Wort kannst du, wenn du seine Formen bilden kannst, nicht, wenn du den Nominativ wiedererkennst.

Produzieren statt wiederholen. Niemand hat die Fälle aus Tabellen gelernt, auch im Deutschunterricht nicht. Sie werden gelernt, indem man Sätze schreibt, erfährt, dass die Endung falsch ist, und sie noch einmal schreibt. Die Tabelle ist das Nachschlagewerk für den Moment, in dem die Korrektur keinen Sinn ergibt; die Sätze sind das Lernen. Ein paar hundert korrigierte Sätze pro Fall sind der ehrliche Preis, und er wird in Monaten bezahlt, nicht in Jahren.

Ein Jahr Fehler einplanen. Auch flüssige Lernende greifen beim Instrumental Plural daneben. Irgendwann nach dem ersten Jahr regelmäßiger Übung hören die Fälle auf, eine bewusste Anstrengung zu sein, und bis dahin ist die falsche Endung kein Zeichen von Scheitern. Sie ist die Methode bei der Arbeit.

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