Ist Serbisch schwer zu lernen?
Was Serbisch für Deutschsprachige wirklich schwer macht, was leichter ist als sein Ruf, und womit du anfangen solltest.
Die kurze Antwort
Schwerer als Niederländisch, leichter als Russisch, und weit regelmäßiger, als es beim ersten Hinhören klingt. Als Deutschsprachiger bringst du mehr mit, als du denkst: Du kennst Fälle, du kennst drei Geschlechter, du konjugierst Verben nach Person. Was neu ist, ist nicht das Prinzip, sondern wie viel davon am Wort selbst hängt.
Was dir Deutsch mitgibt
Du weißt, was ein Fall ist. Der Mann, des Mannes, dem Mann, den Mann: Das Konzept, dass ein Substantiv je nach Rolle im Satz seine Form ändert, musst du nicht erst verstehen. Englischsprachige Lernende scheitern genau daran; du hast es schon.
Drei Geschlechter. Auch Serbisch hat Maskulinum, Femininum und Neutrum, und auch dort richten sich Adjektiv und Pronomen danach. Der Unterschied: Im Serbischen ist das Geschlecht fast immer am Wort ablesbar. Endet ein Substantiv auf Konsonant, ist es meist männlich, auf -a weiblich, auf -o oder -e sächlich. Kein Auswendiglernen wie bei der Löffel, die Gabel, das Messer.
Konjugation nach Person. Ich schreibe, du schreibst, er schreibt: Serbisch macht dasselbe, mit sechs Endungen, die fast nie aus der Reihe tanzen.
Was wirklich neu ist
Sieben Fälle, und die Endung sitzt am Substantiv. Deutsch zeigt den Fall vor allem am Artikel; das Substantiv bleibt oft gleich. Serbisch hat keinen Artikel, also trägt das Substantiv die Endung selbst, und das Adjektiv daneben auch: grad (Stadt), u gradu (in der Stadt), iz grada (aus der Stadt). Zu deinen vier Fällen kommen drei dazu: der Vokativ für die Anrede, der Instrumental für „womit“ und „mit wem“, der Lokativ für „wo“. Das ist die größte Baustelle, und hier passieren die meisten Anfängerfehler.
Aspekt. Die meisten Handlungen haben zwei Verben: eines für den abgeschlossenen Vorgang, eines für den laufenden oder wiederholten. Pisati heißt schreiben, napisati heißt fertig schreiben. Deutsch drückt das mit Adverbien oder gar nicht aus; Serbisch verlangt bei jedem Verb eine Entscheidung.
Die Stellung der kurzen Wörter. Kurze Formen wie sam (bin), je (ist), ga (ihn), se (sich) stehen im Serbischen fast immer an zweiter Stelle im Satz, egal was davor kommt: Video sam ga (ich habe ihn gesehen), Juče sam ga video (gestern habe ich ihn gesehen). Das ist eine feste Regel, und sie ist für deutsche Ohren zunächst ungewohnt.
Was leichter ist als befürchtet
Kein Artikel. Kein der, die, das, kein ein, nichts.
Man schreibt, wie man spricht. Ein Buchstabe, ein Laut, ohne Ausnahme. Was du lesen kannst, kannst du aussprechen; was du hörst, kannst du schreiben. Die Laute selbst sind für Deutschsprachige gut erreichbar: š ist sch, č ist tsch, c ist z. Nur das gerollte r und der Unterschied zwischen č und ć brauchen etwas Übung.
Wenige Zeiten im Alltag. Gesprochenes Serbisch kommt mit Präsens, einer Vergangenheit und einem Futur aus. Die übrigen Zeiten begegnen dir in Büchern.
Zwei Schriften, aber eine reicht zum Anfangen. Serbisch wird kyrillisch und lateinisch geschrieben, Buchstabe für Buchstabe austauschbar. Die lateinische Schrift ist im Alltag und im Netz überall; das Kyrillische lernst du in ein paar Tagen dazu, wenn die Sprache selbst kein Hindernis mehr ist.
Wenn du Serbisch schon verstehst
Viele, die in Deutschland, Österreich oder der Schweiz mit serbischen Eltern oder Großeltern aufgewachsen sind, verstehen fast alles und sprechen passabel, könnten aber keine Nachricht fehlerfrei schreiben. Das ist kein Mangel an Sprachgefühl, sondern ein Mangel an Endungen: Beim Hören verzeiht das Gehirn eine falsche Form, beim Schreiben steht sie da. Für diese Gruppe ist Serbisch lernen etwas anderes als für Anfänger. Wortschatz und Aussprache sind da; was fehlt, ist die Grammatik in Schriftform, also genau die Fälle, das Geschlecht und die Stellung der kurzen Wörter.
Womit du anfangen solltest
- Die Laute und die lateinische Schrift, an einem Nachmittag.
- Das Verb biti (sein) und das Präsens: regelmäßig, und du kannst sofort Sätze bauen.
- Nominativ und Akkusativ, die zwei Fälle, die in einfachen Sätzen fast alles tragen.
- Das Geschlecht, weil jedes Adjektiv und jede Vergangenheitsform davon abhängt.
- Die übrigen Fälle einzeln, jeweils mit den Präpositionen, die ihn verlangen.
Der Aspekt und die selteneren Zeiten können warten, bis dir einfache Sätze ohne Nachdenken über die Endung gelingen.
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