Wortstellung im Serbischen: frei, bis auf die kurzen Wörter
Serbisch lässt Subjekt, Verb und Objekt in jeder Reihenfolge zu, nagelt aber ein Dutzend kurzer Wörter an eine Stelle fest. Die Zweitstellungsregel, mit Beispielen.
Frei, mit einer Ausnahme
Deutsche Wortstellung ist halb Grammatik, halb Betonung. Das Verb hat im Hauptsatz seinen festen zweiten Platz, aber davor und dahinter darfst du umstellen: Marko liebt Ana, Ana liebt Marko, hier ändert sich die Bedeutung, weil Ana keinen sichtbaren Fall hat; den Mann beißt der Hund dagegen geht, weil den die Rolle markiert. Serbisch treibt den zweiten Teil bis zum Ende. Weil jedes Substantiv seine Endung trägt, ist die Stellung reine Betonung: Marko voli Anu, Anu voli Marko und Voli Marko Anu heißen alle, dass Marko Ana liebt, und der Sprecher nutzt die Reihenfolge für etwas anderes: Bekanntes nach vorn, Neues ans Ende.
Diese Freiheit hat eine Ausnahme, und sie steht genau dort, wo du sie vermuten würdest. Eine Gruppe kurzer, unbetonter Wörter, die Enklitika, darf nicht stehen, wo sie will. Sie steht an zweiter Stelle im Satz, und nirgends sonst. Das ist der Platz, an dem im Deutschen das finite Verb steht, und das ist deine Abkürzung.
Welche Wörter das sind
Enklitika sind Wörter, die zu leicht sind, um eine Betonung zu tragen; sie lehnen sich an das Wort davor an. Serbisch hat ungefähr ein Dutzend Sorten, und in jedem Gespräch brauchst du mehrere davon.
| Sorte | Formen | Beispiel |
|---|---|---|
| das Verb sein, Kurzformen | sam, si, je, smo, ste, su | Ja sam student. Ich bin Student. |
| das Hilfsverb des Futurs | ću, ćeš, će, ćemo, ćete, će | Ja ću doći. Ich werde kommen. |
| Objektpronomen im Akkusativ | me, te, ga, je, nas, vas, ih | Vidim ga. Ich sehe ihn. |
| Objektpronomen im Dativ | mi, ti, mu, joj, nam, vam, im | Pišem mu. Ich schreibe ihm. |
| das Reflexivum | se | Zovem se Ana. Ich heiße Ana. |
| die Fragepartikel | li | Vidiš li ga? Siehst du ihn? |
Jedes davon hat auch eine volle, betonte Form (jesam, mene, njemu), die steht, wo jedes andere Wort steht, und Nachdruck trägt. Die Kurzformen sind die alltäglichen, und sie gehorchen der Regel. Die verneinten Formen von sein und des Futurs, nisam, nije, neću, sind dagegen volle Wörter und dürfen den Satz eröffnen: Nije u gradu, er ist nicht in der Stadt.
Die Zweitstellungsregel, und was du davon schon kannst
Ein Enklitikum steht nach der ersten betonten Einheit des Satzes. Die Einheit kann ein einzelnes Wort sein oder eine ganze Wortgruppe, die zusammengehört. Lies die folgenden Paare und achte darauf, wo im deutschen Satz das Verb steht.
- Marko je u gradu. Marko ist in der Stadt.
- Danas je Marko u gradu. Heute ist Marko in der Stadt. Fang mit danas an, und das Enklitikum folgt auf danas, nicht auf Marko. Genau wie ist im Deutschen.
- Moj brat je u gradu. Mein Bruder ist in der Stadt. Moj brat ist eine Wortgruppe, also folgt das Enklitikum auf sie, so wie ist auf mein Bruder folgt. Moj je brat u gradu ist auch richtig und klingt etwas förmlicher.
- U gradu je. Er ist in der Stadt. Auch im kurzen Satz kann das Enklitikum nicht vorn stehen: Je u gradu ist kein Serbisch.
Die deutsche Verbzweitstellung und die serbische Enklitikazweitstellung sind dieselbe Gewohnheit: Was auch immer vorn steht, das kleine Wort kommt danach. Wer aus dem Englischen kommt, muss diese Gewohnheit erst erwerben; du hast sie. Was du lernen musst, sind die drei Stellen, an denen die beiden Sprachen auseinandergehen.
Marko je u gradu.
Marko ist in der Stadt.
Vidimo se na stanici.
Wir sehen uns an der Haltestelle.
Zovem je svako veče.
Ich rufe sie jeden Abend an.
Wo das Deutsche dich in die Irre führt
Im Nebensatz. Das Deutsche schickt das Verb ans Ende: Ich weiß, dass Marko in der Stadt ist. Das serbische Enklitikum bleibt an zweiter Stelle seines Satzes, direkt nach der Konjunktion: Znam da je Marko u gradu. Wer Znam da Marko u gradu je sagt, hat deutsch gedacht. Dasselbe nach jer (weil), kad (wenn, als), ako (falls): Jer sam ga juče video, weil ich ihn gestern gesehen habe. Das ist der häufigste Wortstellungsfehler, den Deutschsprachige im Serbischen machen, und er hält sich lange, weil das deutsche Muster so fest sitzt.
In der Ja-Nein-Frage. Das Deutsche stellt das Verb an den Anfang: Ist Marko in der Stadt? Das serbische je kann das nicht, weil es nie erstes Wort ist. Die Frage braucht entweder die Partikel li nach einer betonten Verbform, Je li Marko u gradu?, wo je ausnahmsweise die volle, betonte Form ist und deshalb vorn stehen darf, oder das Fragewort da li am Anfang, nach dem das Enklitikum wieder seinen zweiten Platz hat: Da li je Marko u gradu? Beides ist richtig; Je Marko u gradu? ist es nicht.
Bei zwei Pronomen. Im Deutschen steht der Akkusativ vor dem Dativ: Ich habe es ihm gegeben. Im Serbischen ist es umgekehrt: Dao sam mu ga. Erst ihm, dann es. Das ist eine kleine Regel mit großer Wirkung, weil das deutsche Muster automatisch kommt.
Wenn mehrere Enklitika zusammentreffen
Sie bilden einen Block mit fester innerer Reihenfolge: zuerst li, dann die Verbformen (sam, ću und die übrigen), dann das Dativpronomen, dann das Akkusativpronomen, dann se, und ganz zuletzt je, wenn es „ist“ bedeutet. Der Block als Ganzes steht an zweiter Stelle.
- Dao sam mu ga. Ich habe es ihm gegeben. Verb, Dativ, Akkusativ.
- Marko mi se ne javlja. Marko meldet sich nicht bei mir. Dativ, Reflexivum.
- Da li ste ga videli? Habt ihr ihn gesehen? Fragepartikel, Verb, Akkusativ.
- Deca su se igrala u dvorištu. Die Kinder haben im Hof gespielt. Verb, Reflexivum.
Der Sonderfall ist je. Als dritte Person von sein steht es am Ende des Blocks, nach se: Ona se je vratila wäre zu erwarten, aber in der Praxis schluckt se es, und Serben sagen Ona se vratila, sie ist zurückgekommen. Das ist eine der wenigen Stellen, an denen ein Enklitikum verschwindet.
Marko mi se ne javlja ceo dan.
Marko meldet sich den ganzen Tag nicht bei mir.
Vidiš li ga tamo?
Siehst du ihn dort?
Deca su se igrala u dvorištu.
Die Kinder haben im Hof gespielt.
Warum die Vergangenheit die Regel täglich prüft
Das serbische Perfekt ist Enklitikum plus Partizip: sam plus radio ist „ich habe gearbeitet“. Das entspricht dem deutschen Perfekt, Hilfsverb an zweiter Stelle, Partizip woanders, mit einem Unterschied: Das deutsche Partizip geht ans Satzende, das serbische steht, wo die Betonung es haben will. Juče sam radio (gestern habe ich gearbeitet), Radio sam juče (ich habe gestern gearbeitet) und Ja sam juče radio sind alle in Ordnung; Juče radio sam ist es nicht. Jeder Satz in der Vergangenheit, den du sagst, ist eine Wortstellungsübung, und deshalb lohnt es sich, die Regel früh zu lernen und nicht spät.
Sätze
Schreib es auf Serbisch
Siehst du ihn dort?
Was du mit der Freiheit anfangen kannst
Sobald die Enklitika an ihrem Platz sind, gehört der Rest des Satzes dir, und Serben nutzen das. Die letzte Stelle trägt die Neuigkeit. Marko čita knjigu beantwortet, was Marko tut; Knjigu čita Marko beantwortet, wer das Buch liest. Frage und Antwort spiegeln sich gern: Auf Gde je Marko? kommt U gradu je, mit der neuen Information vorn, weil Marko in der Frage schon vorkam. Das Deutsche kennt diese Verschiebungen im Vorfeld auch, aber Serbisch treibt sie durch den ganzen Satz, und wenn die Endungen erst automatisch sind, wird das zum angenehmsten Teil des Sprechens.
Wie du es lernst
Die Tabelle mit der Reihenfolge im Block musst du nicht auswendig lernen. Schreib Sätze mit einem Enklitikum, dann mit zweien, und lass dir von der Korrektur sagen, wann eines am falschen Platz steht. Die Regel ist klein, und die Gewohnheit braucht Zeit: ein paar hundert Sätze mit je, se und den Objektpronomen, und die zweite Stelle fühlt sich an wie der einzige Platz, an dem sie stehen können. Bis dahin gilt im Zweifel: Frag dich, wo im deutschen Satz das Verb stünde, und stell das kurze Wort dorthin. Nur im Nebensatz nicht.
App holenIn einer Lektion ansehen
Weiterlesen
- Verbaspekt im Serbischen: perfektiv und imperfektiv
Warum die meisten serbischen Handlungen zwei Verben haben, wie du erkennst, welches ein Satz will, und die zwei Fallen, in die Deutschsprachige tappen.
- Serbisch, Kroatisch, Bosnisch: eine Sprache oder drei?
Wie verschieden Serbisch, Kroatisch, Bosnisch und Montenegrinisch wirklich sind, wo die Unterschiede liegen, und welche Variante du lernen solltest.