Serbisch, Kroatisch, Bosnisch: eine Sprache oder drei?

Wie verschieden Serbisch, Kroatisch, Bosnisch und Montenegrinisch wirklich sind, wo die Unterschiede liegen, und welche Variante du lernen solltest.

Die kurze Antwort

Sprachwissenschaftlich eine Sprache mit vier Standardformen. Wer aus Belgrad, Zagreb, Sarajevo oder Podgorica kommt, versteht die anderen drei vollständig, liest ihre Zeitungen und schaut ihre Filme ohne Untertitel. Die Unterschiede sind real, und den Menschen dort sind sie wichtig, aber sie haben die Größenordnung von Deutsch in Deutschland, Österreich und der Schweiz: hier eine andere Schrift, dort ein anderes Wort, ein paar grammatische Vorlieben, und sehr viel Politik. Wer Paradeiser, Jänner und Velo kennt und trotzdem von einer Sprache spricht, hat das Modell schon verstanden.

Wer Serbisch lernt, wird in allen vier Ländern verstanden. Der Rest dieser Seite handelt davon, was dir auffallen wird.

Woher die Namen kommen

Bis 1991 hieß die Sprache offiziell Serbokroatisch und wurde als ein Standard mit zwei Varianten unterrichtet; ältere deutsche Wörterbücher und viele Slawistik-Institute führen den Namen bis heute. Als Jugoslawien zerfiel, benannte jeder neue Staat seine Sprache nach sich selbst, schrieb eine eigene Rechtschreibung und eine eigene Schulgrammatik und betonte, was ihn von den anderen unterschied. Sprachwissenschaftler behandeln die vier meist weiter als Standardvarietäten einer Sprache, manchmal unter dem Kürzel BKMS. In Österreich und der Schweiz begegnet dir dieselbe Idee in Schulen, Gerichten und Ämtern als BKS, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, ein Fach und ein Dolmetschangebot für alle drei zugleich. Im Gespräch sagt das in der Region niemand; man sagt srpski, hrvatski, bosanski oder crnogorski, je nachdem, wo man ist und wer man ist.

jezik

jezik

Sprache; Zunge

Substantiv

dasselbe Wort für die Sprache, die man spricht, und für das Organ im Mund

Je li srpski težak jezik?Ist Serbisch eine schwere Sprache?

maskulines Substantiv
FallSingularPlural
Nom.jezikjezici
Gen.jezikajezika
Dat.jezikujezicima
Akk.jezikjezike
Vok.jezičejezici
Instr.jezikomjezicima
Lok.jezikujezicima

Die Unterschiede, die dir wirklich begegnen

Die Schrift. Serbisch benutzt Kyrillisch und Latein, beide amtlich; Kyrillisch überwiegt im Staat, Latein im Alltag und im Netz. Kroatisch wird nur lateinisch geschrieben. Bosnisch und Montenegrinisch fast ausschließlich lateinisch. Die beiden Alphabete entsprechen sich Buchstabe für Buchstabe, Kyrillisch lesen ist also eine Sache von Tagen, nicht eine neue Sprache.

  • Ovo je ćirilica, a ovo je latinica.

    Das ist das kyrillische Alphabet, und das ist das lateinische Alphabet.

Die Spaltung e/ije. Der alte slawische Vokal Jat wurde in Serbien zu e und in Kroatien, Bosnien und Montenegro zu ije oder je. Also mleko in Belgrad und mlijeko in Zagreb und Sarajevo, lepo und lijepo, reka und rijeka, dete und dijete. Das ist der hörbarste Unterschied überhaupt, und er ist regional, nicht national: Serben in Bosnien und Montenegro sagen auch mlijeko. Lern die e-Formen, hör die ije-Formen, und nach einer Woche rechnest du im Kopf um.

Der Wortschatz. Ein paar hundert Alltagswörter unterscheiden sich, meist weil das Kroatische eine slawische Neubildung vorzieht, wo das Serbische ein internationales Lehnwort behält. Für dich ist das Serbische hier oft die vertrautere Seite.

Serbisch Kroatisch Deutsch
hleb kruh Brot
voz vlak Zug
hiljada tisuća tausend
fudbal nogomet Fußball
univerzitet sveučilište Universität
kafa kava Kaffee
šta što was
januar, februar siječanj, veljača Januar, Februar
pozorište kazalište Theater
pasulj grah Bohnen

Bosnisch liegt zwischen den beiden und behält mehr türkische Wörter, oft mit einem h, das die anderen fallen gelassen haben: kahva für Kaffee, lahko für leicht. Montenegrinisch steht dem Serbischen des Südens am nächsten und hat zwei eigene Buchstaben dazubekommen, die kaum jemand benutzt.

Ein paar grammatische Gewohnheiten. Serbisch bevorzugt da plus Präsens, wo Kroatisch den Infinitiv nimmt: hoću da idem gegen hoću ići, ich will gehen. Beides ist überall richtig; die Vorliebe ist das, was dich verortet. Serbisch schreibt das Futur als ein Wort, wobei der Infinitiv sein -i verliert, radiću, Kroatisch als zwei, radit ću. Kroatisch hält am Fragewort što und am Pronomen tko fest, wo Serbisch šta und ko hat. Der Rest der Grammatik, Fälle, Aspekt, Zeiten und alles andere, ist derselbe.

Die Aussprache. Weitgehend identisch. Die Akzente von Zagreb, Sarajevo und Belgrad unterscheiden sich, wie sich regionale Akzente überall unterscheiden, und als Lernender bist du jahrelang nicht in Gefahr, sie zu verwechseln.

Was du im deutschsprachigen Raum hörst

Die Familien aus dem ehemaligen Jugoslawien in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind gemischt, und die meisten Lernenden hier hören alle Varianten durcheinander: die serbischen Nachbarn, den bosnischen Kollegen, die kroatische Schwiegermutter. Kroatisch ist im deutschen Sprachraum sichtbarer, durch die Adriaküste, den Tourismus und die Fernsehbilder aus Dalmatien; Serbisch ist zahlenmäßig oft größer und im Alltag der Diaspora genauso präsent. Wenn deine Familie serbisch ist und deine Freunde kroatisch sind, lernst du das, was zu Hause gesprochen wird, und erwirbst die anderen Formen nebenbei, so wie ein Wiener mit einem Hamburger redet, ohne die Sprache zu wechseln. Wer beim Kroaten hleb statt kruh sagt, wird verstanden, verortet und vielleicht geneckt. Mehr passiert nicht.

Welche du lernen solltest

Lern die Variante, die dort gesprochen wird, wo du sie brauchst. Ist das Serbien, lern Serbisch; du wirst beide Schriften lesen, mleko und hleb sagen und in Split und Mostar verstanden werden, ohne irgendetwas anzupassen. Ist es Kroatien, lern Kroatisch, mit demselben Ergebnis in umgekehrter Richtung. Hast du keinen Grund, dich zu entscheiden, hat Serbisch die größere Sprecherzahl, die zweite Schrift, die dir auch russische, bulgarische und mazedonische Schilder öffnet, und den entspannteren Umgang mit den internationalen und den deutschen Lehnwörtern, die du ohnehin schon besitzt.

Was auch immer du wählst, du wählst keine Sprache. Du wählst eine Schreibung, ein paar hundert Wörter und den Vokal in Milch. Alles, was an der Sprache schwer ist, die sieben Fälle, der Verbaspekt, die Enklitika an zweiter Stelle, ist in allen vier Varianten gleich, und dorthin gehört deine Zeit.

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