Du verstehst Serbisch, aber du sprichst es nicht richtig

Mit Serbisch am Familientisch aufgewachsen, und trotzdem keine Nachricht fehlerfrei? Was du schon hast, was fehlt, warum die üblichen Kurse nicht passen, und wie du anfängst. Mit einem Abschnitt für den Partner, der mitlernen will.

Eine eigene Ausgangslage

Du bist in Deutschland, Österreich oder der Schweiz aufgewachsen, zu Hause wurde Serbisch gesprochen, und du verstehst so gut wie alles: die Eltern, die Großeltern am Telefon, den Fernseher im Sommer im Dorf. Du antwortest meistens auf Deutsch, oder auf einem Serbisch, das zu Hause durchgeht und außerhalb nicht. Eine Nachricht an eine Cousine schreibst du zweimal, und beim zweiten Mal auf Deutsch. Bei einem Formular, einem Arztgespräch oder einem Vorstellungsgespräch in Belgrad wärst du verloren, obwohl du jedes zweite Wort kennst.

Das ist keine Sprachschwäche und kein halbes Serbisch. Es ist eine ganz bestimmte Verteilung von Können und Lücken, die anders aussieht als bei jedem Anfänger und bei jedem Fortgeschrittenen, und die üblichen Kurse sind für keine der beiden Verteilungen gemacht. Diese Seite beschreibt, was du hast, was fehlt, und wo man in dieser Lage anfängt.

Was du schon hast

Das Hören. Du verstehst schnelles, undeutliches, dialektales Serbisch, mit dem Lernende nach Jahren noch kämpfen. Das ist kein kleiner Vorteil, sondern der Teil der Sprache, der am längsten dauert und sich am schlechtesten aus Büchern lernen lässt.

Die Aussprache. Das gerollte r, der Unterschied zwischen č und ć, die Betonung, die keine Regel erklärt: Du hast sie, ohne je darüber nachgedacht zu haben. Wer Serbisch als Erwachsener lernt, hört sich noch nach zehn Jahren an wie jemand, der es als Erwachsener gelernt hat. Du nicht.

Den Wortschatz des Hauses. Essen, Familie, Wetter, Gesundheit, Streit, Zärtlichkeit, die Wörter, mit denen man über Nachbarn redet. Dazu ein Gefühl dafür, was „richtig klingt“, das für dich Grammatikregeln ersetzt, die du nie gelernt hast.

Die Grammatik im Hörverstehen. Du verstehst Dao sam mu ga auf Anhieb, weil du es tausendmal gehört hast. Du weißt, dass idem u grad und ja sam u gradu zwei verschiedene Dinge sind, auch wenn du nicht sagen könntest, warum. Das ist mehr, als es klingt: Die Fälle sind in deinem Kopf, nur nicht in deiner Hand.

Was fehlt

Die Endungen beim Sprechen und Schreiben. Beim Hören verzeiht das Gehirn eine falsche Form, beim Schreiben steht sie da. Die meisten, die so aufgewachsen sind wie du, produzieren den Nominativ und den Akkusativ sicher, den Genitiv oft, den Instrumental und den Lokativ nach Gefühl, den Dativ selten und den Plural mit Fehlern. Nicht, weil sie ihn nicht kennen, sondern weil sie ihn nie selbst bauen mussten; zu Hause hat immer jemand verstanden, was gemeint war.

Das Schreiben überhaupt. Vielleicht hast du nie länger als eine Textnachricht auf Serbisch geschrieben. Die lateinische Schrift mit č, ć, š, ž, đ ist auf der deutschen Tastatur nicht da, und das Kyrillische, das in Serbien auf jedem Amt und jeder Schulwand steht, kannst du vielleicht entziffern und nicht schreiben.

Alles außerhalb der Familie. Das Serbisch der Behörden, der Arbeit, der Nachrichten, der Verträge, der Universität. Zu Hause hat niemand über Steuererklärungen, Mietverträge oder Bewerbungen gesprochen; die Wörter dafür hast du nur auf Deutsch. Dazu kommt das Register: Das Sie, im Serbischen Vi, mit dem man einen Beamten oder die Chefin anspricht, hast du im Alltag kaum gehört, weil in deiner Umgebung alle per ti waren.

Die Mischung. Das Serbisch der Diaspora ist voll mit deutschen Wörtern, die in Serbien niemand versteht, termin, urlaub, bahnhof, anmeldung, in serbischen Sätzen mit serbischen Endungen. In der Familie ist das die normale Sprache. In Novi Sad ist es das nicht.

Der Dialekt gegen den Standard. Deine Familie spricht das Serbisch ihres Dorfes, vielleicht aus Bosnien mit ije, vielleicht aus dem Süden mit weniger Fällen, als die Grammatik vorsieht. Das ist echte Sprache und nichts, was du verlernen sollst. Aber der Standard, den ein Zeitungstext, eine Prüfung oder ein Bewerbungsgespräch verlangt, ist eine andere Schicht, und die kennst du nur passiv.

Warum die üblichen Kurse nicht passen

Der Anfängerkurs beginnt mit „Ich heiße“ und dem Alphabet, und du langweilst dich in der ersten Stunde, verstehst alles, was gesagt wird, und lernst nichts, weil nichts von dem, was du brauchst, in den ersten drei Monaten drankommt. Du gibst auf, bevor der Kurs bei den Fällen ankommt, und die Fälle sind das, weshalb du gekommen bist.

Der Fortgeschrittenenkurs setzt voraus, dass die Grammatik einmal systematisch gelernt wurde, und baut auf einer Ordnung auf, die du nie hattest. Da liest man Texte und diskutiert; du verstehst den Text und kannst den Diskussionsbeitrag nicht fehlerfrei bilden. Auch hier passt nichts, nur andersherum.

Was du brauchst, gibt es in beiden Kursen nicht: eine Sortierung deiner Lücken, von den Endungen her.

Wo du anfängst

Schreib Sätze, nicht Wörter. Der Wortschatz ist da; die Endungen fehlen. Also ist die Übung, die dich weiterbringt, der geschriebene Satz, an dem sich sehen lässt, welche Form du gewählt hast, und nicht die Vokabelliste, die dir nur bestätigt, was du schon weißt. Schreib, was du sagen würdest, und lass dir jede Endung korrigieren. Das Korrigieren ist der ganze Unterricht.

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Sätze

Schreib es auf Serbisch

Ist Serbisch eine schwere Sprache?

Ja/Nein-Frage mit dem Opener **Je li**; Adjektiv vor dem Substantiv.

Ein Satz aus dem Kurs. Tipp ihn ein und drück auf Prüfen.

Nimm die Fälle einzeln, in der Reihenfolge deiner Lücken. Vermutlich sitzen Nominativ und Akkusativ; überspring sie. Dann Lokativ und Genitiv, weil du sie am häufigsten brauchst und am häufigsten nach Gefühl bildest. Dann Instrumental, Dativ, und zum Schluss der Plural aller Fälle, wo bei fast allen Diasporasprechern die meisten Fehler liegen. Für jeden Fall die Tabelle einmal ansehen, dann Sätze schreiben, bis die Korrekturen aufhören.

gradStadtnoun
maskulines Substantiv
FallSingularPlural
Nom.gradgradovi
Gen.gradagradova
Dat.gradugradovima
Akk.gradgradove
Vok.gradegradovi
Instr.gradomgradovima
Lok.gradugradovima

Nimm die Regel, wenn das Gefühl versagt. Du wirst oft richtig liegen und nicht sagen können, warum. Das ist in Ordnung, solange es richtig ist. Wo es falsch ist, hilft ein Blick auf die Regel, weil sie erklärt, was dein Ohr die ganze Zeit gehört hat: dass u grad Richtung und u gradu Ort ist, genau wie in die Stadt und in der Stadt.

  • Idem u grad.

    Ich gehe in die Stadt.

  • Marko je u gradu.

    Marko ist in der Stadt.

Lern das Kyrillische in einer Woche. Es ist die kleinste Lücke mit der größten Wirkung. Dreißig Buchstaben, eins zu eins mit den lateinischen, und plötzlich kannst du das Amt, die Schule und die Hälfte der Straßenschilder lesen, die dich bisher zur Touristin oder zum Touristen gemacht haben.

Hol den Wortschatz von außerhalb des Hauses nach, thematisch. Behörde, Wohnung, Arbeit, Gesundheit, Geld: die Themen, die zu Hause nie vorkamen. Hier bist du tatsächlich Anfänger und lernst wie einer, mit einem Vorteil: Jedes neue Wort setzt sich sofort in Sätze, die du schon bauen kannst.

Lass die Familie in Ruhe. Die Eltern korrigieren nicht, oder sie korrigieren alles, oder sie wechseln ins Deutsche, weil es schneller geht. Sie sind deine besten Gesprächspartner und deine schlechtesten Lehrer. Übe die Endungen woanders, und sprich mit ihnen, wie du immer gesprochen hast, nur nach und nach mit weniger deutschen Wörtern.

Wenn du der Partner bist

Ein anderer Fall, derselbe Tisch: Du bist nicht in einer serbischen Familie aufgewachsen, aber du hast in eine hineingeheiratet oder bist auf dem Weg dorthin, und du möchtest die Schwiegereltern verstehen und nicht nur anlächeln. Du bist ein normaler Anfänger mit einem ungewöhnlichen Vorteil und einem ungewöhnlichen Problem.

Der Vorteil: Du hast jeden Sonntag echtes Serbisch am Tisch, mit Kontext, Gesten und Wiederholung, und Leute, die sich freuen, wenn du drei Wörter sagst. Das Problem: Alle wechseln sofort ins Deutsche, sobald du stockst, weil sie höflich sind und weil es schneller geht. Bitte sie ausdrücklich, es nicht zu tun, wenigstens für einen Teil des Abends. Und lern die Fälle von Anfang an mit Endungen, nicht mit Wörterbuchformen; die Familie wird dich nicht korrigieren, also muss die Korrektur von woanders kommen. Der Vokativ ist übrigens das erste, was du brauchst: Wer Mama! und Tata! richtig ruft, hat den Tisch auf seiner Seite, bevor der erste Satz fertig ist.

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