Warum Grammatik in deiner Sprache erklärt werden sollte

Dieselbe Regel ist für den einen Lerner eine Kleinigkeit und für den anderen das Schwerste im ganzen Kurs, und das hängt nur davon ab, welche Sprache er schon spricht. Warum eine Erklärung für alle eine Erklärung für niemanden ist und was ein adaptierter Kurs stattdessen tut.

Die Regel ist dieselbe. Der Lerner nicht.

Nimm eine serbische Regel: Nach u und na steht das Substantiv im Lokativ, wenn du sagst, wo etwas ist. Muzej je na trgu, das Museum ist auf dem Platz.

  • Muzej je na trgu.

    Das Museum ist auf dem Platz.

Für dich als Deutschsprachigen ist die Idee vertraut. Auch im Deutschen ändert sich das Substantiv nach einer Präposition, und auf dem Platz gegenüber auf den Platz ist genau die Unterscheidung, die das Serbische hier trifft: Lage im Lokativ, Richtung im Akkusativ. Neu sind die Endungen, und dass es sieben Fälle sind, wo du vier hast. Die Erklärung, die du brauchst, knüpft an dem und den an und sagt dir, wo das Serbische von deinem Sprachgefühl abweicht. Für jemanden mit Russisch als Muttersprache ist das kaum eine Regel: Das Russische hat denselben Fall, dieselben zwei Präpositionen, denselben Gebrauch. Eine Zeile reicht, plus eine Warnung vor den Stellen, an denen das Serbische anders ist. Für jemanden mit Englisch gibt es nichts, woran die Regel andocken könnte. Das Englische hat gar keine Fälle. Die Erklärung muss damit anfangen, was ein Fall überhaupt ist, warum sich das Wort ändert und warum trg und trgu dasselbe Wort sind.

Drei Lerner, eine Regel, drei verschiedene Lektionen. Ein Kurs, der eine Erklärung schreibt und sie in drei Sprachen übersetzt, hat sie für einen der drei geschrieben und legt den anderen beiden einen Text vor, der entweder Selbstverständliches erklärt oder erst auf Seite zwei beginnt.

Interferenz hängt am Sprachenpaar

Die Fehler, die ein Lerner macht, sind nicht zufällig. Es ist seine eigene Sprache, die durchschlägt. Du wirst als Deutschsprachiger den Artikel vermissen und versuchen, ihn irgendwie zu ersetzen, wo das Serbische schlicht keinen braucht. Du wirst das Verb an die zweite Stelle setzen, weil es im Deutschen dort steht, und dabei die kurzen Wörter übersehen, die im Serbischen diese Stelle für sich beanspruchen. Wer Russisch spricht, begegnet hunderten Wörtern, die gleich aussehen und etwas anderes bedeuten, und stellt die kleinen Wörter nach russischer Art. Wer Englisch spricht, lässt Endungen weg, weil das Englische keine hat. Und wer als Serbischsprachiger Englisch lernt, macht das Gegenteil: lässt the und a weg, weil ihm nichts im Serbischen sagt, dass da eins hingehört, und wird jahrelang verstanden und spricht jahrelang falsch.

Keiner dieser Fehler lässt sich aus der Zielsprache allein vorhersagen. Sie entstehen aus dem Paar. Eine Erklärung, die nicht weiß, woher der Leser kommt, kann ihn nicht vor dem einen Fehler warnen, den er gleich machen wird, und kann die zwanzig nicht überspringen, die er nie machen würde.

Übersetzt ist nicht adaptiert

Die meisten Kurse werden einmal geschrieben, auf Englisch oder in der Zielsprache, und dann übersetzt. Die Übersetzung bewahrt die Sätze und verliert den Leser. Die deutsche Fassung eines englischen Kurses erklärt dir immer noch, was ein Fall ist, obwohl du vier davon hast, und sagt immer noch nichts über die Stellen, an denen dich das Deutsche in die Irre führt, weil das englische Original keinen Grund hatte, sie zu erwähnen.

Ein adaptierter Kurs wird für jede Muttersprache von Grund auf geschrieben: dieselbe Regel, dieselben Fakten und eine andere Erklärung, mit den Vergleichen, die diesem Leser etwas bringen, und den Warnungen, die dieser Leser braucht. Das ist mehr Arbeit, ungefähr ein Kurs pro Muttersprache statt eines übersetzten Kurses, aber nur so handelt die Erklärung wirklich vom Leser.

Wie das im Kurs aussieht

Jede Regel wird auf Deutsch erklärt, geschrieben für Deutschsprachige und nicht aus einem allgemeinen Text übertragen. Du und ein russischsprachiger Lerner bekommt für dieselbe Regel verschiedene Erklärungen. Die Beispiele stützen sich auf das, was du schon mitbringst: Wo das Serbische wie das Deutsche funktioniert, steht es da, und wo nicht, auch. Ein Englischsprachiger bekommt erst den Begriff aufgebaut, bevor die Endung eingeführt wird.

Das gilt auf jedem Niveau, nicht nur am Anfang. Die Grammatik der letzten Lektion ist so adaptiert wie die der ersten, denn die Interferenz hört nicht auf, wenn der Lerner besser wird. Sie wird feiner.

Und wenn die Prüfung in einem Satz, den du getippt hast, eine falsche Form markiert, zeigt sie dir genau diese adaptierte Erklärung, auf Deutsch, in dem Moment, in dem du sie brauchst. Kein Urteil und keine Seite aus einer Grammatik, die für alle geschrieben wurde. Das eine, was du falsch gemacht hast, dir erklärt.

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